Im Namen der Unbequemlichkeit

Die Bloggerin Pony M. sagt uns, warum es sich nicht lohnt, das eigene Gehirn «aufzufressen».

Christian Schiller postete vergangene Woche hier im SchillerMag, wie er sie nannte, eine «wirklich schöne Frage». Eine Journalistin richtete sie im Magazin «Der Spiegel» an Giulia Enders, die Autorin des Buches «Darm mit Charme», und sie bezog sich auf die Seescheide. Ja, die Seescheide. Ein Tier, das über Gehirn und Rückenmark verfügt, und durchs Meer zieht, bis es einen Ort gefunden hat, an dem es sich wohlfühlt. Dann isst es als erstes das eigene Hirn auf. Oh ja. Und zwar, weil es nun nicht mehr gebraucht wird.

Die Journalistin fragte Frau Enders nun, ob sie jemals in einer vergleichbaren Situation war. Enders beantwortete die Frage dann damit, dass sie noch zu viel Leben vor sich habe, um ihr eigenes Gehirn zu verspeisen. Das macht natürlich Sinn.

Mich jedoch faszinierte die Frage im übertragenen, philosophischen Sinn.

Sind wir nicht alle ein bisschen Seescheide (und ja, ich gebe zu, dass mich das zum Kichern bringt)? Aber im Ernst: Ist es nicht so, dass der Mensch sich oft eine bequeme Ecke sucht und dort dann meist fraglos vor sich hinlebt?

Schön eingelullt und bequem inmitten von kuscheligem Stillstand? Ich beobachte das hauptsächlich in Beziehungen und im Beruf. 

Ich will mich hier nun mit dem Beziehungs-Aspekt auseinandersetzen.

Dass wir teilweise dazu tendieren, uns in unseren Beziehungskokon einzunisten und unser Hirn zum Fenster hinaus zu werfen, zeigt sich nur schon an der Tatsache, dass viele verliebte Paare sonstige zwischenmenschliche Beziehungen, die ihnen davor sehr wichtig waren, vernachlässigen. Wenn alles noch ganz neu und frisch ist, ist das ja auch nachvollziehbar und völlig in Ordnung. Sehr oft passiert es aber, dass man nicht mehr in diese Freundschaftsbeziehungen zurückfindet.

Die Verliebten bauen ihre Lebensplanung dahingehend auf, dass sie für immer und ewig nur noch einander brauchen werden. Stellt sich nach einigen Jahren heraus, dass das in dieser Form doch nicht klappt, kann der Mangel an einem eigenen sozialem Netz sogar ein Grund sein, länger in der angeknacksten Beziehung zu bleiben, als man das eigentlich will. Aus Angst vor der Einsamkeit.

Die – mittlerweile hirnlose – Seescheide (männlich oder weiblich) hat sich abhängig gemacht von ihrem schönen Plätzchen am Meeresboden, das sich nach einer Weile als doch nicht ganz so traumhaft herausstellte.

Ganz generell, selbst wenn man das aussereheliche Beziehungsnetz aufrecht zu erhalten vermochte, sind Trennungen, also der Abschied vom bequemen Näschtli, eine riesige Herausforderung. Das sollen sie auch sein. Es wäre ja ein Armutszeugnis für die Verbindung zum Partner, wenn man sich ohne grosse Überwindung einfach so trennen könnte.

Ich zum Beispiel blieb eindeutig zu lange in einer Beziehung, obwohl mein Partner und ich überhaupt nicht zueinander passten. Er war super, ich auch, aber wir waren nicht füreinander. Aber es war halt schön. Und bequem. Und nicht anstrengend. Im Nachhinein ist klar, dass ich mich viel früher hätte trennen sollen.

Ich würde gerne sagen, dass ich das alles halt damals nicht wusste – aber das wäre gelogen. Wir haben alle Sensoren dafür, ob wir aus Überzeugung oder aus Bequemlichkeit in einer Situation verharren – der Grad, bis zu welchem wir uns das eingestehen, variiert jedoch beachtlich. Meist brauchen wir einen konkreten Trigger, um den Schritt aus der Beziehung zu wagen.

Bei Beziehungen sind es zum Beispiel, wie jetzt gerade, die Sommerferien. Dass man gezwungen ist, die Macken des Partners 24 Stunden am Tag zu ertragen, die einem schon ohne konstante Konfrontation gehörig auf den Sender gingen, lässt gemäss Statistik rund ein Drittel der unglücklichen Paare nach längeren Ferien einen Schlussstrich ziehen.

Das bedeutet, dass zwei Drittel der Paare selbst dann zusammenbleiben, wenn sie in der Beziehung unglücklich sind.

Das kann, wie oben erwähnt, an Bequemlichkeit liegen, aber auch am Investment, das man bereits in die Beziehung gesteckt hat. Dazu zählen Zeit, Energie oder auch Kinder. Und ja, es gibt Paare, bei denen eine Trennung für eine/n oder für beide fast nicht machbar ist. Auf diese Paare beziehe ich mich nicht. Und es sind auch die Wenigsten, wenn wir ehrlich sind.

Alleinsein ist manchmal schwierig. Einsamkeit ist es immer. Sich selber davor beschützen zu wollen, erachte ich als durchaus logische Verhaltensweise. Ich verstehe die Seescheide durchaus, die an ihrem bequemen Felsen im Meer unten friedlich an ihrem Cortex rummampft und damit vielleicht auch die eine oder andere Perspektive auf ein besseres Leben ins Nirwana verdaut.

Doch zu welchem Preis? Und ist dieser Preis am Ende nicht viel höher als der, den man mit Trennungsschmerz, Torschlusspanik und Einsamkeit bezahlt?

Ich glaube schon.

In diesem Sinne: Seien wir keine Seescheiden. Werden wir uns bewusst, wo die Grenzen unserer Kompromissbereitschaft liegen. Essen wir vorerst nicht unser ganzes Hirn und vertrauen wir nicht voll und ganz der Wärme der Bequemlichkeit, und möge sie noch so angenehm sein.

Manchmal ist der eine Felsen halt doch nicht der eine Felsen. Und das ist okay.

Über die Autorin

Als Pony M. galoppiert Yonni Meyer seit 2013 durchs Internet. Und das mit ungebrochenem Erfolg: Bereits rund 46’000 Fans lesen ihre Texte auf Facebook; eben hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht. In unregelmässigen Abständen bloggt Yonni Meyer auch für Schiller Kommunikation.

Weitere Beiträge von Yonni Meyer: 

Be yourself!
Communicomplication
Geschichten auf Rädern

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